Zumindest unter der Dusche oder im Auto, da singst du doch!

Nein, manche trauen sich nicht einmal dort. Viele Menschen haben wirklich große Angst vor dem Singen. Einige lassen nicht einmal, wenn sie alleine sind und niemand zuhört, ein paar Töne erklingen.

Wie so oft liegen die Ursachen in den meisten Fällen in der Vergangenheit; gerne im Teenageralter, wenn das Selbstbewusstsein sowieso schon unter den Veränderungen des eigenen Körpers und der Suche nach einem neu definierten Dasein leidet. Ein unbedachter Spruch reicht und die Stimme versagt. Sätze wie „Sing du mal lieber nicht mit“ oder „Deine Stimme klingt ja komisch“ fallen in der Regel ohne böse Absicht, doch das Elternteil, die Freundin, die Lehrerin oder der Opa bei der Weihnachtsfeier können mit solchen Aussagen die Grundlage für eine lange bestehende Angst legen.

Seitdem ich mit der Gesangslehrerin und Sängerin Nina Ortlepp einen zweitägigen Workshop mit dem Thema „Singen ohne Angst“ anbiete, habe ich schon einige Überraschungen erlebt. Eine Freundin von mir gestand, dass sie nie singen würde. Aus Angst. Dabei hatten wir sogar schon zusammen Musik gemacht, dass sie dabei nie mitgesungen hatte, war mir nicht aufgefallen. Ein langjähriger Kollege mit Schauspiel- und Improtheatererfahrung outete sich als Nicht-Sänger und selbst mein extrovertierter Onkel traut sich nicht. Bei keiner dieser Personen hätte ich im Traum damit gerechnet. Doch nicht nur die Augen, auch die Stimme ist ein “Spiegel der Seele“. Dein Gesang erzählt etwas von dir.

 

Wie viele Menschen haben Angst zu Singen? Die Antwort: Es sind noch viel mehr als du denkst.

 

Angst schnürt die Kehle zu. Schon die Vorstellung, den Ton nicht zu treffen, zu krächzen, zu quietschen oder überhaupt keinen Laut herauszubekommen lassen uns verkrampfen. Dazu melden sich mit perfektem Timing die in Kindheit und Jugendalter gelernten Glaubenssätze und grölen umso lauter in unserem Kopf. Die Lieder dieser penetranten Besserwisser heißen „Du bist nicht musikalisch“, “Du triffst sowieso nicht den Ton“ oder „Du hast kein Talent“.

Da deine Stimme auch immer eine persönliche Seite von dir preisgibt, sind wir in Momenten des Singens ganz besonders anfällig für Kritik. Die negativen Erfahrungen werden in unserem Kopf konserviert und verfallen in eine Art Automatismus, der sich ganz von selbst einschaltet und verlässlich meldet. Es ist interessant seinen Kopfstimmen einmal genau zuzuhören — allerdings nur um nachzufragen, wer da eigentlich gerade spricht. Ist es etwa der Vater, der peinlichst genau darauf achtete, nicht aufzufallen? Oder die Schwester, die ihre schlechte Laune mit Vorliebe an dir ausgelassen hat?

 

Die Ganzheitlichkeit der Angst

 
Die Angst vor dem Singen geht Hand in Hand mit der Angst vor der Bloßstellung. Wer für seine Stimme kritisiert wurde und damit in intimen Momenten schutzlos ausgeliefert war, tut alles dafür, solch eine Kränkung nicht wieder zu erleben. Die Auswirkung ist die schützende Angst vor dem eigenen gesungenen Ausdruck, der sich gerne mit der warnenden körperlichen Begleitmusik Schweißausbruch, zittrige Hände und Zementblock auf der Brust zusammentut. Die perfekte Rüstung vor der Bloßstellung, doch denkbar ungünstige Voraussetzungen dafür, einfach einmal unbeschwert ein Liedchen zu trällern.

So kommen gestandene Anwälte und Vorstandsvorsitzende und sehnen sich danach, für ihre Kinder einfach nur einmal “Happy Birthday“ zum Geburtstag anstimmen zu können. Und das ist der beste Ansporn, denn wir brauchen in der Regel einen guten Grund, um etwas zu verändern. “O Tannenbaum“ mit der Familie, ein gehauchtes Ständchen für die Freundin oder auch die lange ersehnte Chormitgliedschaft sind Motoren, sich der Angst vor dem Singen zu stellen.

 

Das vergiftete Erbe

 
Gerade in Deutschland singt kaum ein Menschen auf der Straße. Der Großteil der Landsleute stimmt gerade einmal anlässlich einer Geburtstagsfeier ein schüchternes Lied an — und selbst dabei fühlen wir uns nicht ganz wohl. Es gibt die Hypothese, dass der kollektive Schock aus unserer politischen Vergangenheit noch immer tief sitzt und sich erst jetzt langsam auflöst. Dadurch, dass die Nationalsozialisten das gemeinsame Singen ideologisch missbraucht haben, sei es heute weitgehend aus dem Alltag verschwunden. In anderen Ländern wie Schweden oder England herrscht hingegen eine recht lebhafte Singkultur, doch in Deutschland hatte der Missbrauch zu Propagandazwecken das unbeschwerte Singen mit einer böse konnotierten Hemmschwelle versehen. Im Zuge dessen wurde seit den 1960er Jahren der Gesang zunehmend aus den pädagogischen Institutionen verbannt, argumentiert der Musiksoziologe Karl Adamek. “Selbersingen wurde peinlich.“

Dabei sind die umfassenden positiven Auswirkungen des Singens mittlerweile auch wissenschaftlich belegt. Mit unserer Stimme betreiben wir eine wirkungsvolle medizinische Vorsorge gegen psychische und auch körperliche Leiden.

Auf dem Beipackzettel zum Heilmittel „Selbersingen“ stehen unter anderem folgende Wirkungsweisen:

  • Unterstützung der Atemtätigkeit
  • Stärkung des Herzens
  • Ankurbelung der Darmtätigkeit
  • Regulierung des Blutdrucks
  • Erhöhung der Sauerstoffsättigung im Blut
  • Auflösung von Verspannungen
  • Abbau von Aggression
  • Förderung der Konzentration
  • Training des Gedächtnisses

Nebenwirkungen: keine.

“Singen ist die eigentliche Muttersprache des Menschen“ sagte der Geiger Yehudi Menuhin einmal.

Auf die Spitze getrieben bedeutet das: Wer dich vom Singen ausgrenzt, reduziert dein individuelles, menschliches Ausdrucksvermögen. Das schlägt sich auf das Selbstwertgefühl und das Selbstbewusstsein nieder. Womit wir automatisch bei gesanglichen Scharfrichtern wie Dieter Bohlen landen. Klar, eine realistische Selbsteinschätzung ist nicht jedermanns Sache, die möglichen Nachwirkungen solch herablassenden Feedbacks sind jedoch nicht zu unterschätzen.

Der Prozess zur eigenen Singstimme ist am wirkungsvollsten (vielleicht sogar der einzig wirkungsvolle Weg) ohne Druck oder Bewertung. Die perfekte Umgebung dafür ist eine geschützte Gruppe mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Der Effekt zeigt sich so simpel wie erstaunlich: Plötzlich bist du nicht mehr alleine und das ehemalige Problem entpuppt sich als die Auswirkung einer Situation, die längst passé ist. Vielleicht ist jetzt die Zeit gekommen einfach mal ein aufmunterndes „Hey!“ in die Runde zu werfen. Ist das nicht auch schon ein Ton?!

 

Niedrigschwellig gegen Hemmungen

 
Ist ein Ton geschafft, dann folgt der zweite und der dritte wie von selbst. Der erste Ton stellt somit den ersten Schritt hin zur Wiederermächtigung der eigenen Stimme dar und dieser darf gerne spielerisch genommen werden. Wenn niemand ein perfekt gesungenes Liedgut erwartet, dann zuckt auch keiner mit den Augenbrauen, wenn das Ergebnis zweieinhalb Töne tiefer liegt und auch noch wackelt.

Oft scheitern wir bereits, bevor wir überhaupt den Mund öffnen an unseren eigenen Anforderungen. Wenn ich schon singe, dann soll es auch gut sein. Doch, mal ehrlich, wer beurteilt denn, was gut ist? Klingt ein voller Freude inklusive schiefen Tönen dahingeschmetterter Ballermannhit nicht gelegentlich sogar inspirierender als ein perfekt eingeübtes, steif vorgetragenes „Yesterday“? Manchmal müssen wir schlicht und einfach unsere Perspektive wieder gerade rücken und unsere Stimme vom alltäglichen Leistungsdruck befreien. Beim Singen gibt es keine Beförderung und wenn du den Ton nicht triffst, wird auch das Essen nicht schlecht.

Es geht um einen Raum zum hemmungslosen Ausprobieren, in der die Angst die Kontrolle zu verlieren keine Bedeutung hat. Im Gegensatz zu einer Operation am offenen Gehirn kommt es beim Singen schließlich nicht auf das Ergebnis an, sondern auf das Gefühl. Und das Ergebnis fällt oft sogar besser aus, sobald die pure Lust dem Druck der fehlerlosen Performance überwiegt. In einer kleinen Gruppe, in der sich alle in ihrer Angst einig sind und diese dennoch überwinden möchten, entfalten sich ungeahnte Möglichkeiten. Es entsteht ein offener und gleichzeitig geschützter Raum, der in der Realität sonst nicht gegeben ist.

 

Die Reise beginnt

 
Im Alltag fühlen wir uns selten unbeobachtet und frei von jeglicherBewertung. Dazu kommt, dass wir mit uns selbst oft strenger sind als die sadistische Mathelehrerin aus der sechsten Klasse. Mit Hilfe von kompetenter, wertschätzender Unterstützung lassen sich die Geister der Vergangenheit jedoch ins Jenseits schicken. Um erste Hemmungen zu überwinden, binden wir in unseren Workshops “Singen ohne Angst“ leichte Übungen aus dem Gesangsunterricht mit ressourcenstärkende Methoden aus dem NLP mit ein. Der Fokus liegt dabei darauf, sich weg vom Problem hin zu positiven und wahrhaftig kraftspendenden Erfahrungen zu entwickeln.

Eine der Grundannahmen des NLP ist, dass jedem Verhalten eine positive Absicht zugrunde liegt. Diese stellt in vielen Fällen einen Schutz dar, der uns in vergangenen schwierigen Momenten vor größeren Verletzungen bewahrt hat. Doch obwohl der ursprüngliche Grund für die Angst schon sehr weit zurück liegt, funktioniert der Mechanismus noch immer. Diese automatisierte Reaktion beweist zwar, dass unser Gehirn wunderbar arbeitet, tut aber heute “nicht mehr Not“, wie der Norddeutsche sagt.

Der Workshop “Singen ohne Angst“ richtet sich an alle Personen, die ihre Stimme neu kennen lernen wollen. Die sich bisher nicht getraut haben, einen Ton zu intonieren und die bereit sind, neue Erfahrungen zu machen. Wer weiß, ob wir am Schluss sogar ein gemeinsames Lied singen?

Ein Trick gegen die Angst ist übrigens, sich permanent neuen Ängsten zu stellen. Vielleicht beginnt nach dem Workshop eine völlig neue Reise.